Das Objekt des Semesters

Sommersemester 2021: Eine etruskische Bucchero-Schale des 6. Jahrhunderts v. Chr.
Etruskische Buccheroschale Inv. Ro153 (Foto: Thomas Rahr, Universität Rostock, IT- und Medienzentrum).
Etruskische Buccheroschale Inv. Ro153 (Foto: Thomas Rahr, Universität Rostock, IT- und Medienzentrum).
Etruskische Buccheroschale Inv. Ro153 (Foto: Thomas Rahr, Universität Rostock, IT- und Medienzentrum).
Etruskische Buccheroschale Inv. Ro153 (Foto: Thomas Rahr, Universität Rostock, IT- und Medienzentrum).
Etruskische Buccheroschale Inv. Ro153 (Foto: Thomas Rahr, Universität Rostock, IT- und Medienzentrum).

Vier Sphingen und ein Todesfall

Eine Bucchero-Schale des 6. Jahrhunderts v. Chr. (Inv. Ro153)

Dr. Robinson Peter Krämer

Bei dem Gefäß der Rostocker Sammlung mit der Inventarnummer Ro153 handelt es sich um eine dünnwandige Trinkschale. Sie besteht aus feinem dunkelgrauen Ton mit glatt polierter, glänzender Oberfläche. Der Gefäßkörper hat eine bauchige Form und wird von einem niedrigen trompetenförmigen Fuß getragen. Der Rand der Schale ist deutlich abgesetzt und endet in einer schräg nach außen abgeknickten Lippe. Ein besonderes Element stellen die zwei flachen horizontalen Henkel dar, deren Abschluss je ein stabförmiges Element, eine Rotelle, bildet. Auf die beiden Henkel wurde mithilfe eines Stempels je ein identisches figürliches Motiv aufgeprägt: Dargestellt sind zwei einander gegenübersitzende Wesen, die aus einem geflügelten Löwenkörper mit eingerolltem Schwanz und einem Frauenkopf bestehen; es handelt sich um das alte orientalische Motiv der hockenden Sphinx.

Die Schale zeichnet sich durch ihre dunkelgraue bis schwarze Tonfarbe aus und kann daher der Keramikgattung des ‚Bucchero’ zugeordnet werden. Mit dem italienischen Begriff Bucchero wird eine Art der antiken Keramik bezeichnet, die im Verfahren eines ‚reduzierenden Brandes‘ hergestellt wurde. Dabei brannte man die Gefäße in einem weitgehend luftdicht abgeschlossenen Töpferofen bei vergleichsweise tiefen Temperaturen von ca. 500 bis 600 °C. Die geringe Sauerstoffzufuhr hatte die charakteristische dunkle Verfärbung zur Folge, die nicht nur an der Gefäßoberfläche sondern auch im Innern der Tonscherbe festgestellt werden kann.

Bucchero ist eine typisch etruskische Keramikgattung, die vor allem vom 7. bis 5. Jahrhundert v. Chr. hergestellt wurde. Die wichtigsten Produktionszentren befanden sich im gesamten etruskischen Kernland, das ungefähr der heutigen Toskana, Umbrien und dem nördlichen Latium entspricht. Spätestens ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. gab es allerdings auch Bucchero-Produktionen in Latium, Kampanien und in der Po-Ebene. Die meisten in dieser Gattung hergestellten Gefäße wurden als Trinkgeschirr für den Konsum von Wein oder als Speisegeschirr verwendet, darunter sind etwa Tischamphoren, Kannen, Trinkschalen, Kantharoi, Kelche oder Teller. Die Rostocker Schale ist der Form nach also ein recht typischer Vertreter der etruskischen Bucchero-Keramik.

Die Form der Trinkschale ist in kulturgeschichtlicher Hinsicht aufschlussreich, denn es handelt sich um die Adaption einer ‚Knickrandschale‘, häufig auch ‚ionische Schale‘ genannt. Diese Trinkschalen wurden im südlichen Ionien in griechischen Städten wie Samos, Milet oder Rhodos hergestellt und vom 7. bis 6. Jahrhundert v. Chr. als erfolgreicher Exportartikel in das gesamte Mittelmeergebiet verhandelt. Die Gefäßform wurde aber auch in vielen Regionen außerhalb Ioniens übernommen und dabei lokalen Vorlieben und Bedürfnissen angepasst. Das Rostocker Trinkgefäß aus etruskischem Bucchero ist ein anschauliches Beispiel für diesen Adaptionsprozess: Die aus Ionien entlehnte Schalenform ist hier mit sehr flachen horizontalen Henkeln mit Rotellenabschlüssen kombiniert, wie sie bei griechischen Knickrandschalen nicht vorkommen, aber für verschiedene Gefäßformen des Bucchero typisch sind. Mit den Rotellen ebenso wie mit der schwarzen polierten Gefäßoberfläche sollten wohl bewusst Eigenschaften wertvoller Metallgefäße evoziert werden.

Auffällig sind zudem die auf den beiden Henkeln eingestempelten Motive der einander gegenübersitzenden Sphingen. Sie geben wichtige Hinweise auf die Datierung und den Produktionsort der Schale. Bucchero-Gefäße mit eingestempelten Reliefdekorationen sind für mehrere Regionen Etruriens belegt, aber besonders typisch für die beiden etruskischen Stadtstaaten Chiusi und Orvieto im 6. bis 5. Jahrhundert v. Chr. Besonders gut vergleichbare Knickrandschalen stammen aus einer Chiusiner Produktion der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. Von dieser kurzlebigen lokalen Produktion sind nur etwa 40 Gefäße mit verschiedenen Dekorationen und Stempelmotiven auf den Henkeln bekannt. Zwei mit dem Rostocker Exemplar besonders gut vergleichbare Schalen befinden sich beispielsweise im Metropolitan Museum in New York (https://www.metmuseum.org/art/collection/search/246149; https://www.metmuseum.org/art/collection/search/246180).

Das Motiv der Sphingen taucht in Chiusi häufig auf und ist in verschiedenen Gattungen belegt. Vor diesem Hintergrund ergibt sich für das Stempelmotiv auf der Rostocker Schale eine stilistische Datierung von ca. 580 bis 560 v. Chr. Dies ist deshalb von besonderem Interesse, weil die Technik, Reliefdekorationen auf Bucchero einzustempeln, ab ca. 580 v. Chr. in Chiusi überhaupt erst in Mode kam und die dortigen Werkstätten von Töpfereien im südetruskischen Vulci inspiriert wurden. Das Rostocker Gefäß wurde also offenbar von innovativen Töpfern im nordetruskischen Chiusi entworfen, die eine sehr beliebte griechische Schalenform zum Vorbild nahmen und diese so in Bucchero umsetzten, dass sich der Betrachter an wertvolle Metallschalen erinnert fühlte. Außerdem griffen die Chiusiner Töpfer die neue Mode der Reliefstempel auf und dekorierten die Trinkschale mit dem beliebten Bild der Sphingen. Die Schale spiegelt mit dem Motiv der Sphingen lokale, mit der Stempeltechnik regionale und mit der Gefäßform mediterrane Trends wider, die in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. in Mode waren.

Leider ist für fast keines der 40 Gefäße dieser innovativen Gattung der Fundkontext bekannt. Das gilt auch für die Rostocker Schale. Sie gelangte im April 1907 in die Archäologische Sammlung und zwar als Geschenk Richard Ehrenbergs, eines Rostocker Professors für Staatswissenschaften. Der Eintrag ins Inventarbuch enthält als Herkunftsangabe lediglich die nichtssagende Angabe „aus Etrurien“. Immerhin lassen die wenigen bekannten Fundkontexte entsprechender Gefäße erkennen, dass sie fast ausschließlich in Gräbern des Stadtstaats Chiusi und seines Hinterlandes gefunden wurden. Die Trinkschalen wurden demnach wohl primär von der lokalen Bevölkerung verwendet und nicht etwa für den Handel gefertigt oder in andere Regionen exportiert. Als Grabbeigaben sollten sie den Verstorbenen als Trinkgefäße beim Bankett im Jenseits dienen. Zu einer Verwendung im Grabkontext passen die figürlichen Motive des Henkeldekors: Die hockenden Sphingen hatten eine apotropäische, das heißt übelabwehrende Funktion und galten dementsprechend auch als besonders wirkmächtige Wächter über die Ruhe der Toten.

Objektdaten: Inv. Ro153. – Knickrandschale auf hohem Fuß und mit flachen Henkeln mit Rotellen, aus etruskischem Bucchero, mit Stempeldekor auf beiden Henkeln, Chiusi, um 580–560 v. Chr. – Höhe 8,3 cm; Randdurchmesser 12,8 cm; Durchmesser Körper 11,9 cm; Durchmesser Körper mit Henkeln 21,1 cm; Durchmesser Fuß 7,6 cm. – Keramik, durchgehend reduzierend gebrannt / Bucchero; weich gebrannte, dunkelgraue Scherbe (Munsell 2.5Y 4/1 bis 2.5Y 3/1), fein geschlämmt, mit Kalkeinschlüssen und sehr vielen feinen Glimmerpartikeln; leicht metallisch glänzender, dunkelgrauer bis schwarzer Tonschlickerüberzug (Munsell 2.5Y 3/1 bis 2.5Y 2.5/1), geglättet. – Bis auf einige Fehlstellen am Fuß fast vollständig erhalten; auf der Oberfläche stellenweise Kalksinter sowie Bestoßungen, Kratzer und Abreibungen; Gefäßkörper und Henkel mit Spannungsrissen, aber ungebrochen erhalten, Fuß aus mehreren Fragmenten zusammengesetzt; Restaurierung im Jahr 2020 durch Iris Hertel, Berlin: Reinigung der Oberfläche und Entfernung älterer Ergänzungen am Fuß und neue Ergänzung der Fehlstellen am Fuß in patiniertem Gips. – Fundort unbekannt. – Im April 1907 als Geschenk Richard Ehrenbergs, Rostocker Professor für Staatswissenschaften, in die Archäologische Sammlung gelangt, mit Vermerk „aus Etrurien“.

Bibliographie:unpubliziert.

Literatur: Schalen mit übereinstimmendem Stempeldekor: Corpus Vasorum Antiquorum Mannheim (1) Taf. 38, 5 (https://www.cvaonline.org/cva/Countrylist.htm); L. Donati, Skyphoi chiusini di Bucchero con anse piatte, Studi Etruschi 45, 1977, 85–108 (grundlegend zur Gattung; 90–92 zu den Schalen mit identischen Stempelmotiven auf den Henkeln); R. D. De Puma, Etruscan Art in the Metropolitan Museum of Art (New York 2013) 90 f. Kat. 4.64 a–b (mit einer deutlich zu frühen Datierung ca. 650 v. Chr.). – Schalen dieser Gattung mit anderen Stempelmotiven: Corpus Vasorum Antiquorum Heidelberg (2) Taf. 50, 2. 4 (https://www.cvaonline.org/cva/Countrylist.htm); W. B. Gercke, Etruskische Kunst im Kestner-Museum Hannover (Hannover 1996) 134 f. Kat. 98. – Zum Beginn der Chiusiner Bucchero-Produktion mit Stempeldekor: L. Cappuccini, Il „Maestro della Sfinge“. Sull’inizio della decorazione a stampo nel Bucchero tra Vulci e Chiusi, in: S. Bruni (Hrsg.), „Lautus erat tuscis Porsenna fictilibus“. Studi e ricerche sul bucchero dell’area chiusina per Luigi Donati (Pisa 2014) 79–98. – Zu Knickrandschalen/‚ionischen Schalen‘: F. Villard – G. Vallet, Megara Hyblaea. Lampes du VIIe siècle et chronologie des coupes ioniennes, Mélanges de l’École Française de Rome 67, 1955, 7–34; U. Schlotzhauer, Die südionischen Knickrandschalen. Eine chronologische Untersuchung zu den sog. Ionischen Schalen in Milet (Diss. Ruhr-Universität Bochum 2001) <https://hss-opus.ub.ruhr-uni-bochum.de/opus4/frontdoor/index/index/year/2019/docId/4091>.

Wintersemester 2020/21: Ein kleiner Kopf aus dem hellenistischen Ägypten
Gipsmodell R322 (Foto: Julia Tetzke, Universität Rostock, IT- und Medienzentrum)
Gipsmodell R322 (Foto: Julia Tetzke, Universität Rostock, IT- und Medienzentrum)
Gipsmodell R322 (Foto: Julia Tetzke, Universität Rostock, IT- und Medienzentrum)
Gipsmodell R322 (Foto: Julia Tetzke, Universität Rostock, IT- und Medienzentrum).

Ein kleiner Kopf aus dem hellenistischen Ägypten

Das Gipsmodell für die Herstellung eines Prunkgefäßes aus Metall (Inv. R322)

Auf den ersten Blick ist der nur 9 cm hohe Kopf eines jungen Mannes ein unscheinbares Objekt. Er gehört jedoch zu den wichtigsten Exponaten im Besitz der Archäologischen Sammlung der Universität Rostock. Seine Bedeutung ergibt sich aus dem Material und seiner Funktion: Der Kopf besteht aus Gips und diente als Modell in einer Werkstatt, die Metallobjekte fertigte.

Gips wurde in der Antike als Werkstoff zwar häufig verwendet, jedoch sind daraus geformte Objekte wegen ihrer Fragilität, aber auch wegen ihrer Funktion als Zwischenstufe im Produktionsprozess nur selten erhalten geblieben. Gips wurde in erster Linie dazu verwendet, von älteren Objekten oder auch von Modellen aus Ton oder Wachs Abformungen herzustellen. Diese konnten dann ihrerseits als leicht transportable Vorlagen wiederholt für die Produktion neuer Kunstobjekte verwendet werden.

Der Berliner Kunsthändler Carl Herold, der Vorbesitzer des Gipskopfes, hatte das Objekt um 1900 in Alexandria erworben. Dass es dort auch gefunden wurde, ist damit nicht gesagt, denn in Alexandria wurden damals archäologische Funde aus ganz Ägypten und der Levante verkauft. Für eine Herkunft aus Ägypten spricht jedoch, dass dort viele kleinformatige Gipsabgüsse aus hellenistischer und römischer Zeit gefunden wurden.

Besonders wichtig waren entsprechende Gipsmodelle bei der Herstellung von reich dekorierten Gefäßen und Geräten aus Edel- und Buntmetallen. Davon zeugen Funde von Werkstattdepots, in denen kleinformatige Gipsabgüsse enthalten waren. In diesen Werkstätten wurden sie für die Produktion von Gussmodellen dekorativer Teile, vor allem aber auch als Vorlagen für die Herstellung von figürlichen Reliefpartien und plastischen Applikationen verwendet. Alle bedeutenden Fundorte solcher Werkstattdepots liegen im Nahen Osten: Memphis in Ägypten, Bagram in Afghanistan und Petra in Jordanien. Vielleicht war das Arbeiten nach solchen Modellen im Hellenismus und in der Kaiserzeit vor allem dort verbreitet. Für die spezifische Fundverteilung dürften aber auch klimatische Bedingungen maßgeblich sein, denn die Chancen einer Erhaltung des leicht löslichen Gipses sind dort am höchsten, wo besonders trockene Lagerungsbedingungen vorherrschen.

Dass auch der Rostocker Kopf in einer toreutischen Werkstatt als Vorlage diente, kann aus der spezifischen Anlage des Objekts erschlossen werden: Es handelt sich zwar um eine rundplastische Arbeit, im rückseitigen Bereich weist das Objekt jedoch einen flachen Abschluss auf, dessen Kante an der rechten Seite des Kopfes annähernd gerade, an der linken Seite leicht konkav verläuft. An dieser Stelle war die durch den Abguss überlieferte Originalform des Kopfes mit der Gefäßoberfläche verbunden. Der Kopf, von dem unser Abguss stammt, könnte demnach vom Inneren einer Schale stammen, wo er den zentralen Dekor des Gefäßbodens bildete. Gut passt zu dieser Funktion auch die deutliche Wendung des Kopfes zu seiner rechten Seite, die aus der Position der Anschlussfläche und aus der Gestaltung der Halspartie erschlossen werden kann.

Eine entsprechende Dekoration von silbernen Trinkschalen mit annähernd rundplastisch gearbeiteten Büsten von Göttern und Heroen ist gut bezeugt. Ein eher spätes, aber besonders prunkvolles Beispiel aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. stellt eine Schale aus dem umfangreichen Silberschatz von Boscoreale dar, der 79 n. Chr. beim Ausbruch des Vesuv verschüttet wurde (https://www.louvre.fr/en/oeuvre-notices/boscoreale-treasure). Der Gefäßboden der heute im Louvre befindlichen Schale ist mit der Büste einer weiblichen Figur mit Elefantenskalp dekoriert, vielleicht eine Personifikation Afrikas oder eine ägyptische Königin aus der Dynastie der Ptolemäer.

Bei Annahme einer Positionierung des Rostocker Kopfes im Innern einer Schale befremdet allerdings der Umstand, dass seine Hauptansichtsseite mit einer solchen Anbringung nicht übereinzustimmen scheint: Wie die starke Asymmetrie mit Verkürzung der linken Gesichtshälfte (Abb. 2) deutlich macht, war der Kopf darauf berechnet, in Dreiviertelansicht von seiner rechten Seite her betrachtet zu werden (Abb. 1). Es ist deshalb nicht ganz ausgeschlossen, dass der Kopf von einer Reliefarbeit aus einem anderen Kontext stammt. In Frage käme auch eine Anbringung an einem größeren Weinmischgefäß aus Bronze oder Edelmetall, das an seiner Außenseite mit Figuren dekoriert war, ähnlich dem bekannten frühhellenistischen Volutenkrater von Derveni (https://de.wikipedia.org/wiki/Derveni-Krater).

Welche mythologische oder historische Figur dargestellt ist, lässt sich nicht eindeutig klären. Es fehlen Attribute, die eine Identifizierung ermöglichen würden. Am ehesten wird der Kopf einen griechischen Heros zeigen, vielleicht Achill oder auch Meleager. In Frage kommt aber auch die Darstellung eines hellenistischen Herrschers, der sich in der Art eines jugendlichen griechischen Heros stilisierte. Ellen Kühnelt, die den Rostocker Kopf ausführlich publiziert hat, ging davon aus, dass die Büste Alexander den Großen darstellen sollte. Dies kann jedoch kaum zutreffen, da die Frisur nicht die für Alexander typische Anastolé – zwei über der Stirn symmetrisch aufgeworfene Lockenbündel – aufweist.

Der Rostocker Kopf ist auch ein Dokument für die Arbeitsweise einer toreutischen Werkstatt hellenistischer Zeit, bei der Vervielfältigung und Variation bestehender Vorlagen üblich war. Dass diese Vorlagen aber nicht nur im Sinn eines copy and paste vervielfacht, sondern als Ausgangspunkte für neue Kreationen genutzt wurden, zeigen Beispiele, an denen man die mehrmalige Verwendung derselben Vorlage nachvollziehen kann. So kann es gut sein, dass der Rostocker Kopf als Vorlage für ganz unterschiedliche konkrete Ausformungen Verwendung fand: Durch Zufügung einer Anastolé konnte er beispielsweise zu einem Alexander-Kopf werden, durch die Zufügung von kleinen Flügeln an den Schläfen zu einem Hermes oder durch die Zufügung einer Herrscherbinde auch zum Porträt eines hellenistischen Königs.

In jedem Fall blieben dabei die stilistischen Züge bewahrt, die den Rostocker Kopf als typisches Produkt der früh- bis hochhellenistischen Kunstepoche (ca. 330–150 v. Chr.) auszeichnen: tief liegende Augen, ein ausgeprägter Stirnwulst, die starke Kopfwendung, der pathetische Ausdruck mit dem leicht geöffneten Mund, die dynamische Gestaltung des stark bewegten Haares. Bemerkenswert sind die fein ziselierten Details an den Pupillen, die scharf gezogenen Augenlider sowie die kleinteilig scharfkantige Gestaltung einzelner Haarsträhnen, die für Metallarbeiten typisch sind. Zusammen mit der überaus souveränen Gesamtgestaltung der Kopfformen lassen sie erkennen, dass es sich um die Abformung eines Produkts aus einer der führenden toreutischen Werkstätten der früh- bis hochhellenistischen Zeit handelt. Vielleicht wurden in dieser Werkstatt auch Silber- und Goldgefäße für den mächtigen und für seinen Luxus berühmten Königshof der Ptolemäer in Alexandria hergestellt.

Objektdaten: Höhe 8,8 cm; Breite 5,2 cm; Tiefe 6,1 cm. – Weißer, relativ feiner Gips mit wenigen Einschlüssen von Keramiksplittern, an der Oberfläche teilweise rötlichbraun verfärbt. – Eine größere antike Fehlstelle am Hinterkopf, kleinere antike Fehlstellen zudem im Bereich der Unterlippe, der Nase, des Nasenbeins, des linken Ohres, an der linken Wange (lange Kerbe) und im Haar; die rechte Gesichtshälfte antik bestoßen; zahlreiche moderne Bestoßungen. – Fundort unbekannt, mutmaßlich in Ägypten. – 1917 durch Rudolf Pagenstecher für die Archäologische Sammlung erworben, aus dem Besitz von Carl Herold, Berlin; nach dessen Angaben erworben in Alexandria in Ägypten.

Bibliographie: R. Pagenstecher, Neuerwerbungen der Archäologischen Sammlung der Universität Rostock, Archäologischer Anzeiger 1918, Spalte 112–114 Nr. 2 Abb. 2; E. Kühnelt, Ein hellenistischer Alexanderkopf aus Gips in Rostock. Gipsmodelle in toreutischen Werkstätten, Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts 119, 2004, 67–82 Abb. 1–6. 13; M. Grawehr, Petra ez Zantur 4. Ergebnisse der Schweizerisch-Liechtensteinischen Ausgrabungen, Eine Bronzewerkstatt des 1. Jhs. n. Chr. von ez Zantur in Petra/Jordanien (Mainz 2010) 159 mit Anm. 529. – Zur Verwendung von Gipsabgüssen als Reproduktionsmedium in toreutischen Werkstätten siehe nebst Grawehr auch A. Reinhardt, Reproduktion und Bild. Zur Wiederholung und Vervielfältigung von Reliefs in römischer Zeit (Wiesbaden 2019) 23–53.

Sommersemester 2020: Atalante und Peleus auf dem Fragment einer attisch rotfigurigen Schale des Aberdeen-Malers
Schale Gr336 (Leihgabe der Universität Greifswald), Innen: Peleus und Atalante (Foto: Universität Rostock, IT- und Medienzentrum)
Schale Gr336 (Leihgabe der Universität Greifswald), Außen: Athlet in der Palästra (Foto: Universität Rostock, IT- und Medienzentrum)
Schale Gr336 (Leihgabe der Universität Greifswald), Rekonstruktionszeichnung nach einer Schale in Boston (Zeichnung: Lara Bock; Foto: Universität Rostock, IT- und Medienzentrum)
Schale Gr336 (Leihgabe der Universität Greifswald), Außen: Athlet in der Palästra (Foto: Universität Rostock, IT- und Medienzentrum)

Atalante und Peleus

Fragment einer attisch rotfigurigen Schale des Aberdeen-Malers (Inv. Gr336)

Das Fragment Gr336 umfasst rund einen Drittel des Gefäßkörpers einer Trinkschale aus Keramik. Nicht erhalten sind die beiden Gefäßhenkel und der hohe Fuß der Schale. Schon während seiner antiken Benutzungszeit war das Gefäß einmal zerbrochen; wie zwei kleine Bohrlöcher und daran anschließende ausgefeilte Streifen am linken Rand erkennen lassen, war die Schale danach repariert worden.

Das Gefäßfragment gelangte 1897 in die Studiensammlung der Universität Greifswald. Seit 2008 befindet es sich als Dauerleihgabe in der Archäologischen Sammlung der Universität Rostock. Es wurde wohl in Mittelitalien ausgegraben, vielleicht im Gebiet des antiken Etrurien, wo im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. griechische Feinkeramik in besonders großen Mengen importiert wurde. Hergestellt wurde die Schale allerdings in einem Keramikbetrieb in Athen, wo findige Töpfer und Vasenmaler schon um 525 v. Chr. die rotfigurige Dekorationstechnik entwickelt hatten. Um 440 v. Chr., als die vorliegende Schale entstand, befand sich Athen auf dem Höhepunkt seiner Macht und seiner kulturellen Strahlkraft: Es sind die Jahre der Hohen Klassik, in denen Sophokles und Euripides ihre bedeutenden Tragödien schufen und Perikles auf der Akropolis den Parthenon errichten ließ.

Aufgrund des Zeichenstils lässt sich die Schale nicht nur allgemein in diesen Zeitraum datieren; sie kann auch einem bestimmten Handwerker zugewiesen werden. Von diesem Vasenmaler sind zwar eine ganze Reihe von Gefäßen bekannt. Sein Name ist jedoch nicht überliefert. Er wird in der archäologischen Forschung deshalb mit dem Behelfsnamen Aberdeen-Maler bezeichnet, nach dem Aufbewahrungsort eines seiner wichtigsten Gefäße. Seine Werke schuf der Aberdeen-Maler als Teil einer großen Werkstattgruppe, die sich ganz auf die Produktion von feinkeramischen Trinkschalen spezialisiert hatte.

Das Innenbild der Schale wird von einem Lorbeerkranz eingefasst. Im runden Bildfeld ist ein nackter Mann dargestellt. Er wendet sich einer Frau zu, die am rechten Bildrand auf einem Stuhl oder einer Bank sitzt. Lediglich ein Teil des Kopfes sind von dieser zweiten Figur erhalten geblieben. Der junge Mann ist gerade dabei, sich mit einem Schabeisen, einer sogenannten Strigilis, den nackten Körper zu reinigen. Er hielt das Schabeisen in seiner linken, nicht erhaltenen Hand. Abgebildet ist demnach ein Athlet, der sich auf eine sportliche Betätigung vorbereitet. Dass sich die Szene in einer Palästra abspielt, lässt auch das Objekt erkennen, das am linken Bildrand hinter dem Mann dargestellt ist. Es handelt sich um ein Louterion, das heißt ein Waschbecken auf hohem Fuß, wie es zur Ausstattung entsprechender griechischer Sportstätten gehörte.

Besser erhaltene Versionen der Szene zeigen, dass auch die junge Frau weitgehend entblößt dargestellt gewesen sein muss. Anders als der Athlet ist sie jedoch nicht vollständig nackt: Sie trägt einen eng anliegenden kurzen Lendenschurz und ein Kekryphalos, ein Stoffband, das ihr langes Haar verdeckt und zusammenhält. Ihre Aufmachung lässt erkennen, dass sie nicht etwa als passive Zuschauerin verstanden werden sollte, sondern als Athletin, die sich ebenfalls sportlich betätigen wird.

Das Innenbild der Schale gibt eine Szene wieder, die sich in einer griechischen Palästra kaum je abgespielt haben kann. Zwar trieben in Griechenland durchaus nicht nur Knaben und junge Männer Sport; auch Mädchen und junge, unverheiratete Frauen betätigten sich als Athletinnen und konnten im Rahmen verschiedener kultischer Feiern auch an sportlichen Wettkämpfen teilnehmen, so etwa in Olympia. Allerdings übten Frauen und Männer ihren Sport nie zur gleichen Zeit und an demselben Ort aus.

Nur in mythischen Zusammenhängen war es möglich, sich eine Begegnung zwischen einem nackten Athleten und einer fast vollständig entblößten Athletin auszumalen. Auch beim vorliegenden Schalenbild muss deshalb eine Episode aus dem Mythos gemeint sein. Um welche Geschichte es sich handelt, verrät die Darstellung einer ähnlichen Szene auf einer späteren attischen Schale des Jena-Malers: Dort sind den beiden Figuren Namen beigeschrieben; dargestellt sind demnach Peleus und Atalante, die sich darauf vorbereiten, ihre Kräfte und ihre Geschicklichkeit in einem Ringkampf zu messen, der anlässlich der Leichenspiele des Königs Pelias abgehalten wurde (mehr zu dieser Geschichte im Audio-Guide zum Schalenfragment des Aberdeen-Malers).

Die unterschiedlichen Geschlechterrollen und die erotische Anziehungskraft zwischen Mann und Frau sind die wichtigsten inhaltlichen Aspekte, die anhand des Mythenbildes auf der Schale angesprochen werden sollten. Dabei bietet die Schale den Ausblick in eine Welt, in der die üblichen Verhältnisse des gesellschaftlichen Zusammenlebens außer Kraft gesetzt, ja partiell sogar in ihr Gegenteil verkehrt sind. Denn Atalante ist eine Athletin, die sich nicht nur mit einem männliche Kontrahenten misst, sondern diesen im Kampf auch besiegt. Das Bild der außergewöhnlichen Begegnung der beiden Helden sollte dazu auffordern, sich über gesellschaftliche und kulturelle Grundwerte auszutauschen und zu verständigen. Ein besonders wichtiger Ort für entsprechende Diskurse war in Griechenland das Symposion, das den Männern vorbehaltene gemeinsame Trinkgelage. In diesem Kontext wurde auch unsere Schale benutzt: Sie diente dem Konsum von Wein.

Auf der Außenseite der Schale ist eine Szene dargestellt, die das mythologische Thema des Innenbildes mit der Lebensrealität des antiken Griechenland verknüpft: Hier sieht man einen nackten Athleten und zwei in Mäntel gekleidete Männer unterschiedlichen Alters, die sich mit dem Athleten zu unterhalten scheinen. Wie im Innenbild hält der junge nackte Sportler eine Strigilis in der Hand. An der Wand sind ein kugeliges Salbgefäß (Aryballos) und eine Binde aufgehängt. Eine solche Szene konnte man in einer der Palästren Athens jeden Tag beobachten. Das Motiv führt in das Thema der griechischen Athletik ein, deren Grundregeln dann im Innenbild anhand des Atalante-Mythos in Frage gestellt werden. Eine entsprechende Lesefolge der Bilder wird vor allem auch dadurch nahegelegt, dass der Symposiast diese zweite Szene mit Atalante und Peleus ja erst sehen konnte, wenn er die Schale ausgetrunken hatte. – Gerahmt wird die Szene der Außenseite von einem komplexen Palmettendekor. Im mittleren Bereich über diesem Dekor waren die Gefäßhenkel angebracht.

Auf insgesamt vier Trinkschalen hat der Aberdeen-Maler Szenen mit Atalante und Peleus abgebildet. Vollständige Versionen derselben Ikonographie wie auf dem Greifswalder Fragment sind auf Schalen im Museum of Fine Arts in Boston (https://collections.mfa.org/objects/153716/) sowie in der Villa Giulia in Rom überliefert. Nach der Version in Boston haben wir unser Schaleninnenbild zeichnerisch rekonstruiert. Die Anfertigung der Zeichnung verdanken wir Lara Bock.

Objektdaten: Fragment einer attisch rotfigurigen Schale, um 440 v. Chr., dem Aberdeen-Maler zugeweisen (J. D. Beazley), Außenseite möglicherweise von einem anderen Maler bemalt (J. D. Beazley). – Länge des Fragments 19,7 cm; Randdurchmesser 23,4 cm. – Keramik, mit Tonschlicker bemalt; hellorangene Scherbe (Munsell 7.5YR 5/6), fein geschlämmt, glimmerhaltig; leicht metallisch glänzender, dunkelbrauner bis schwarzer Glanztonüberzug; orange-brauner Tongrund (Munsell 5YR 6/6). – Fragment aus zwei Scherben zusammengesetzt; tongrundige Oberfläche im Innern fast vollständig, außen weitgehend abgerieben; im Innern auch Relieflinien teilweise abgerieben; innen und außen der Glanztonüberzug an wenigen Stellen abgeplatzt. – Knapp vor der (antiken) Bruchkante am linken Rand (Innenseite) zwei Bohrlöcher einer antiken Reparatur. – Fundort unbekannt. – 1897 durch August Preuner bei Paul Hartwig in Rom für die Archäologische Studiensammlung der Universität Greifswald erworben; seit 2008 als Dauerleihgabe an der Archäologischen Sammlung der Universität Rostock.

Bibliographie: Beazley Archive Pottery Database Nr. 211172 <http://www.beazley.ox.ac.uk>; A. Hundt – K. Peters, Greifswalder Antiken. Gedächtnisgabe für Erich Pernice (Berlin 1961) 62f. Nr. 336 Taf. 36 (K. Peters); J. D. Beazley, Attic Red-Figure Vase-Painters 2(Oxford 1963) 919 Nr. 2; Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae VII (Zürich 1994) s.v. Peleus Nr. 28 Taf. 185 (R. Vollkommer); A. Ley, Atalante. Von der Athletin zur Liebhaberin. Ein Beitrag zum Rezeptionswandel eines mythologischen Themas des 6. bis 4. Jhs. v. Chr., Nikephoros 3, 1990, 326 Abb. 17.