Wir mögen es nicht, wenn die Antike unvorbildlich ist – jedenfalls, solange wir berufsbedingt finden müssen, dass man Latein lernen soll. Wir mögen es vielmehr, wenn wir aus ihrer erhabenen Geschichte lernen können und entdecken, dass uns alte Texte auch heute noch viel zu sagen haben. Da passt es schlecht, wenn der Verdacht aufkommt, in Athen oder Rom könnte man nicht nur bisweilen geirrt, sondern sogar absichtlich Unwahres verbreitet haben.
Was aber geschieht, wenn ein solcher Verdacht in die Welt tritt, und dies auch noch bei einem Text, der uns eigentlich besonders modern vorkommt? Steht dann der Autor als Verschwörer da? Darf man ihm überhaupt noch Aufmerksamkeit schenken? Oder ist es umgekehrt und der Verschwörungsvorwurf muss gewisse Leser treffen? Immerhin wird Textsinn (Achtung: Verschwörersprache!) angeblich immer beim Empfänger konstruiert. Solche Probleme sollen hier exemplarisch bedacht werden: anhand der ganz und gar nicht offenen Frage, ob die Erde die Form einer Kugel hat, und der durchaus offenen, was ein richtiger Text ist.
Vortrag von Jun.-Prof. Dr. Markus Kersten (Universität Mainz): Lukrez, ein Flat-Earther? Weltbild und Verschwörungstheorie in De Rerum Natura
Zurück zu allen Meldungen
