Die Geschichte der Sammlung

Schliemann und Körte - Die Sammlung von 1873 bis 1906

1873 schenkte Heinrich Schliemann einen der ersten Abgüsse der Heliosmetope des Athenatempels in Troja der Universität Rostock, an der er vier Jahre vorher promoviert worden war. In einem Begleitbrief an den Dekan der Philosophischen Fakultät schreibt er: "Möge das Bild dieses Meisterwerks des classischen Alterthums dazu beitragen in der Mecklenburger Jugend den Sinn für das Erhabene und Schöne zu erwecken und namentlich für die herrliche griechische Kunst und Litteratur". Diese Schenkung ging später allerdings verloren, wurde aber anlässlich des 100. Todestages des berühmten, aus Mecklenburg stammenden Ausgräbers 1990 neu angeschafft. Erst 1879 wurde der eigentliche Grundstein für die Abguss-Sammlung geschaffen, indem der Altphilologe Richard Förster 12 Abgüsse antiker Skulpturen erwarb. Das alte Inventarbuch ist erfreulicherweise erhalten geblieben, so dass wir diese ersten Ankäufe benennen können. Aus der großen Anzahl damals bekannter Meisterwerke wählte er die Hauptgötter des griechischen Olymp in deren vorbildlichster Erscheinung aus: Der Göttervater Zeus war durch einen Kopf aus Otricoli vertreten, Hera durch die von Goethe gepriesene Iuno Ludovisi, Apollon durch die Statue aus dem Belvedere, die durch Winckelmanns Interpretation die Ästhetik des deutschen Klassizismus wesentlich prägte.

Universitätshauptgebäude 1873
Heinrich Schliemann
Gustav Körte

1881 erhielt Gustav Körte die erste Professur für Klassische Archäologie in Rostock. In seiner über 20-jährigen Tätigkeit gelang es ihm, mit knapp 150 Neuzugängen ein breites Spektrum von Abgüssen antiker Skulpturen zu erwerben. Die Auswahl blieb allerdings auf griechische Werke, überwiegend der archaischen und klassischen Zeit, beschränkt. In einer Rede zur Gründung des Instituts für Altertumskunde 1906 beschreibt Körte die Zusammenarbeit der verschiedenen altertumswissenschaftlichen Fächer folgendermaßen "Von der Lektüre einer pindarischen Ode oder eines äschyleischen Chorgesangs können Sie sofort zu den Göttern treten, denen diese Großen ihre Lieder weihten". Noch unter Körtes Regie kamen 1902/3 die ersten antiken Originale dazu, die sog. Schliemann-Dubletten, die von Berlin ausgehend, über zahlreiche Museen verteilt wurden. Der Rostocker Zuschlag ist von beachtlichem Umfang und umfasst sehenswerte Gefäße, – möglicherweise fiel die Schenkung wegen der alten Verbindung Schliemanns zu Rostock besonders qualitätsvoll aus. Ein Großteil dieser Schenkung ist als Dauerleihgabe an die Gemeinde Neubukow übergeben worden, der Geburtsstätte Schliemanns, wo nach 1972, als sich sein Geburtstag zum 150. Male jährte, in mehreren Etappen eine Gedenkstätte eingerichtet wurde.

1904 erfolgte die Angliederung des Münzkabinetts. Dieses geht auf den Orientalisten Oluf Gerhard Tychsen zurück, der 1794 von Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin mit der Einrichtung eines Akademischen Münzkabinetts beauftragt wurde. Außer einheimischen sammelte er vor allem orientalische sowie auch antike Münzen. Nach einer Bestandsbereinigung und verschiedenen Eingriffen erwies sich eine Anbindung an die Klassische Archäologie als sinnvoll, da nunmehr ein Großteil der Sammlung aus antiken Münzen bestand.

Watzinger, Pagenstecher, von Lücken - Die Sammlung von 1906 bis 1969

Durch Vermittlung Carl Watzingers, der ab 1906 die Professur für Klassische Archäologie vertrat, erhielt die Archäologische Sammlung mehrere Schenkungen der Deutschen Orientgesellschaft in Berlin. Bedeutend sind ägyptische Funde aus der spät- bis römerzeitlichen Nekropole von Abusir-el Meleq, darunter Mumiensärge und Masken.

Rudolf Pagenstecher, der Inhaber des Lehrstuhls für Klassische Archäologie in den Jahren 1916-1921, war der erste, der Originale ankaufte: Er erwarb 1918 die aus 422 Einzelstücken bestehende Sammlung Herold, überwiegend kleinformatige keramische Erzeugnisse, die einerseits in Alexandria zusammengetragen waren, andererseits in Mittelitalien. Pagenstecher verstand es auch, Stifter für Schenkungen zu gewinnen: 81 Fundstücke aus Neapel und Cumae, die ein Rostocker Privatmann finanzierte, suchte er selbst aus; vom Stuttgarter Fabrikanten Ernst von Sieglin, den er aus Alexandria kannte, ließ er sich Abgüsse alexandrinischer Skulpturen spenden. Bereits 1916 ließ Großherzog Friedrich Franz IV. bei der Universität anfragen, ob man die mehr als 300 Abgüsse umfassende Schweriner Sammlung übernehmen wolle. Wegen fehlender Möglichkeit der Unterbringung und der hohen Transport- und Versicherungskosten zog sich die Entscheidung jahrelang hin. Erst 1919 wurde der Großteil der Abgüsse dann doch nach Rostock transportiert. Trotz der langen Vorbereitungszeit konnte keine adäquate Raumsituation geschaffen werden, ihre Lagerung im Dachboden des Universitätshauptgebäudes sollte allerdings nur vorläufigen Charakter haben.

Als Gottfried von Lücken 1921 sein Professorenamt antrat, waren die Bedingungen für die Archäologische Sammlung keineswegs gut: von Lücken musste bis zu seiner Emeritierung 1954, und darüber hinaus – er blieb bis 1968 Direktor der Sammlung – um die angemessene Unterbringung der nun ja sehr zahlreichen Abgüsse sowie der Originale kämpfen. 1925 konnte er zwar nach langen Verhandlungen den Umzug eines Teiles der Abguss-Sammlung erwirken, dennoch war sie über mehrere Orte verstreut: den Barocksaal des ehemaligen Palais, den Boden des physikalischen Instituts, den Hörsaal 218, das Treppenhaus und die Archäologische Sammlung. Bitten und Beschwerden von Lückens häufen sich, bis sich die Aufzeichnungen kriegsbedingt verlieren.

Am Kriegsende war hauptsächlich der Verlust eines Großteils der Münzsammlung zu verzeichnen, da die wertvollsten Prägungen in Gold und Silber im Brand einer Bank, in die sie ausgelagert waren, vernichtet worden waren. Das Akademische Münzkabinett wurde daher 1944 offiziell aufgelöst. Über den restlichen Teil der Archäologischen Sammlung schweigen die Aufzeichnungen, bis von Lücken 1947 die Neu-Eröffnung der Abguss-Sammlung ankündigt. Aber bereits sechs Jahre später musste sie dem Institut für Landmaschinenbau weichen und wurde wieder auf Böden verbracht. Um den Ruin der sehr empfindlichen Abgüsse zu verhindern, stimmte von Lücken ihrer Übergabe an die HU Berlin bereitwillig zu. Am 28.11.1958 ging der erste von fünf Transporten nach Berlin ab. Damals konnte niemand ahnen, dass der Großteil der nach Berlin übergebenen Skulpturen im Laufe der Jahre durch unsachgemäße Lagerung in Kellerräumen und einen immensen Wasserschaden verloren gehen würde. Eine kleine Auswahl für den noch laufenden Unterrichtsbetrieb blieb allerdings in Rostock zurück, aber auch diese Stücke drohten wegen der schlechten Unterbringung zu verrotten. Nur die Abgüsse des Parthenonfrieses überdauerten halbwegs unbeschadet an den Wänden des Hörsaals 218 und in Treppenhäusern des Universitätshauptgebäudes.

Gottfried von Lücken am 60. Geburtstag
Carl Watzinger
Hörsaal 218 mit Parthenonfries
Lagerung in den 1990er Jahren auf dem Dachboden
Die Sammlung von 1969 bis heute

Die Auflösung des Instituts für Altertumskunde 1969 und die Zuweisung des Fächerverbundes, darunter auch die Klassische Archäologie, an die Sektion Geschichte verbesserte die Situation logischerweise nicht. Von nun an war die Sammlung zum Schattendasein verdammt. Trotz der ungünstigen universitären Bedingungen konnte die Sammlung in den fünfziger Jahren einen beachtlichen Zuwachs machen. Durch die Bodenreform herrenlos gewordene römische Marmorskulpturen wurden auf einem verlassenen Gutshof entdeckt und nach Rostock verbracht. Ein römischer Sarkophag mit der mythologischen Darstellung des Adonis, ein weiterer Riefelsarg, Grabaltäre mit Inschriften sowie eine mit einem nicht zugehörigen Kaiserporträt ergänzte Panzerstatue und die Statuette eines Satyrs gehören seitdem zu den wertvollsten und wissenschaftlich bedeutendsten Exponaten der Sammlung.

Ab den siebziger Jahren war Konrad Zimmermann für das Fach Klassische Archäologie und die Sammlung zuständig. Die zwanzig Jahre bis zur Gründung des Instituts für Altertumswissenschaften 1991 sind durch sein Bemühen um Erhalt und die angemessene Lagerung bzw. Aufstellung der Sammlung gekennzeichnet. Gelegentlich konnten Teile der Archäologischen Sammlung gezeigt werden, wie bei der 550-Jahrfeier der Universität 1969 oder während einer Ausstellung in der Kunsthalle 1973. Im Kloster zum Heiligen Kreuz waren die schweren Antiken aus Marmor zu besichtigen, ab 1984 kam eine kleine Ausstellung mit antiken Vasen, Lampen und Statuetten hinzu. Wissenschaftliche Arbeiten machten auf die Neuzugänge der Sammlung aufmerksam: 1968 wurde der Adonissarg, 1982 der Kaiserkopf  und 1991 die Arae mit lateinischen Inschriften publiziert. Erst nach der Gründung des Heinrich Schliemann-Instituts für Altertumswissenschaften 1991 und der Berufung von Konrad Zimmermann auf den Lehrstuhl für Klassische Archäologie 1992 waren dann Voraussetzungen für die Revitalisierung der Archäologischen Sammlung gegeben.

Nach Sichtung, Reinigung und Restaurierung der noch vorhandenen Gipse und mithilfe einiger Ankäufe konnte die Abguss-Sammlung 1998 auf dem Dachboden des Universitäts-Hauptgebäudes wieder eröffnet werden. Im Vergleich zu ihrer einstigen Größe ist sie zwar bescheiden; durch Rückführung der wenigen noch intakten, vormals nach Berlin verbrachten Stücke und gelegentliche Ankäufe gelang es aber, das Spektrum, insbesondere im Bereich des antiken Porträts, zu erweitern. Seit 2006, nun unter der Leitung von Detlev Wannagat, ist ein Teil der Archäologischen Sammlung im Institut für Altertumswissenschaften in der Schwaanschen Str. 3 ausgestellt.

2008 erhielt die Archäologische Sammlung beträchtlichen Zuwachs: Die Studiengänge am Institut für Altertumswissenschaften der Universität Greifswald waren geschlossen worden, die dortige Sammlung befindet sich seitdem als Dauerleihgabe am Heinrich Schliemann-Institut. Eine Sammlung antiker Vasen, 1964 als Monographie "Greifswalder Antiken" publiziert, ist seither Teil der Rostocker Ausstellung.

Konrad Zimmermann 1969

Um die neu hinzugekommenen Abgüsse aufnehmen zu können, wurden neue Räumlichkeiten am Campus Ulmenstr. 69 zur Verfügung gestellt. Seit Januar 2011 hat die Abguss-Sammlung Antiker Plastik dort ihren Sitz.

2016 wurde der Sammlungsraum in der Schwaanschen Straße neu gestaltet. Seither sind dort auch Teile der Greifswalder Vasensammlung sowie die frisch restaurierten ägyptischen Mumiensärge und –masken zu sehen.